Zum Pessachfest 5786 sende ich herzliche Grüße.
Wir versammeln uns an den Sedertischen, z.B. hier in unserer Gemeinde, um die Geburtsstunde unserer Freiheit zu feiern – ein Ereignis, das durch die Worte der Haggada lebendig bleibt:
„In jeder Generation steht man gegen uns auf, um uns zu vernichten, aber der Heilige, gepriesen sei Er, rettet uns aus ihrer Hand.“
Selten fühlten sich diese Worte so unmittelbar an wie in diesem Jahr. Während wir die Befreiung der Kinder Israels aus Ägypten preisen, blicken wir mit Sorge auf die aktuelle Bedrohung durch das iranische Regime. Dass Israelis in diesen Tagen Schutz in Bunkern suchen müssen, erinnert uns schmerzlich daran, dass die Freiheit niemals selbstverständlich ist. Wie Rabbiner Joseph Telushkin betont, ist jüdische Ethik untrennbar mit dem Handeln in der realen Welt verbunden – Gebete allein genügen nicht; sie müssen durch Taten und Mut ergänzt werden.
In diesem Geiste gilt unser unendlicher Dank den heldenhaften Soldaten der Zahal. Sie sind es, die in Erfüllung der Vision von Rabbiner Abraham Isaac Kook die physische Existenz des jüdischen Volkes sichern, damit sein spirituelles Licht weiter leuchten kann. Ihr Dienst ist ein heiliges Werk der Verteidigung.
Doch wir vergessen nicht die Lehre von Nechama Leibowitz, dass jede Erlösung letztlich einen g´ttlichen Funken trägt. Wir vertrauen darauf, dass G’tt seine schützende Hand über sein Volk hält – heute wie damals am Schilfmeer.
In der Haggada singen wir kurz nach den vier Fragen (Ma Nischtana) das kraftvolle Versprechen: „Ve-hi she-amda la-avotenu ve-lanu…“ – Und dies ist es, was unseren Vätern und uns beigestanden hat. Es ist die Zusage, dass G’tt uns in jeder Generation rettet, wenn Feinde uns vernichten wollen.
Rabbiner Joseph Telushkin weist oft darauf hin, dass jüdische Geschichte nicht nur aus dem Überleben von Bedrohungen besteht, sondern aus der moralischen Verpflichtung, in schwierigen Zeiten füreinander einzustehen.
Heute sehen wir diese Verpflichtung in den Augen der Soldaten der Zahal, die an den Grenzen Israels wachen, während ihre Familien in den Bunkern Schutz suchen.
Wenn wir in diesem Jahr 5786 den Becher heben und diese Worte singen, denken wir an all jene, die den Frieden in Israel bedrohen. Wir erkennen:
- Die Freiheit ist kein ferner Mythos aus Ägypten, sondern ein täglicher Kampf, den wir mit Mut und Entschlossenheit führen.
- Der Schutz, den wir durch unsere Soldaten erfahren, ist ein Ausdruck g´ttlicher Vorsehung, die durch menschliches Handeln in der Welt wirkt.
- Die Hoffnung ist unsere stärkste Waffe. Wie Rabbiner Abraham Isaac Kook lehrte, muss der physische Schutz des Landes (die Armee) mit der spirituellen Stärke des Volkes Hand in Hand gehen.
In diesem Moment am Sederabend beten wir besonders für die Bewohner Israels, dass der Klang der Seder-Lieder bald die Sirenen der Luftschutzbunker dauerhaft übertönen möge. Wir danken G’tt, dem Hüter Israels, der weder schlummert noch schläft, und bitten Ihn, Seine Hand über jeden einzelnen Soldaten und jede Familie zu halten.
Möge dieses Fest uns die Kraft schenken, trotz der immerwährenden Gefahr standhaft zu bleiben. Wir beten für die Sicherheit der Menschen in Israel und für einen Frieden, der über die Mauern der Schutzbunker hinausreicht.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben Pessach Kascher weSaméach!
Martin Arieh Rudolph
(1. Vorsitzender der IKG Bamberg K.d.ö.R.)