Paraschat Emor (25. Ijar 5786)

3. B.M. Kap. 21,1 – 24,23 / Jecheskiel Kap. 44,15 – 31

Einführung: Die Berufung zur Heiligkeit

Liebe Gemeindemitglieder und Gäste, wir stehen heute inmitten der Lesung von Paraschat Emor. Der Name „Emor“ – „Sprich“ – scheint auf den ersten Blick schlicht, doch er birgt eine tiefe Verantwortung in sich. G´tt befiehlt Mosche: „Sprich zu den Priestern… und sag zu ihnen.“ Warum diese Verdopplung? Unsere Weisen lehren uns, dass es hier nicht nur um Information geht, sondern um Inspiration. Nichts in der Torah ist zufällig, kein Wort ist unnütz, jedes Wort hat eine tiefe, spirituelle Bedeutung.

Heiligkeit, so lernen wir in dieser Parascha, ist kein abstrakter Zustand, den man im Rückzug von der Welt erreicht. Sie ist eine Disziplin, die sich in unseren Handlungen, in unseren Worten und vor allem in der Art und Weise zeigt, wie wir die Zeit heiligen. Lassen wir unsere bevorzugten Weisen und Kommentatoren für diese Drascha sprechen.

Die Struktur der Zeit – Abraham Joshua Heschel

Abraham Joshua Heschel lehrte uns in seinem Werk über den Schabbat, dass das Judentum eine „Architektur der Zeit“ baut, seine Bücher kann ich sehr empfehlen, sie sind sehr eingängig geschrieben.

In unserer Parascha finden wir den Festtagskalender, die Moadim. Heschel würde betonen, dass diese Tage keine bloßen Unterbrechungen des Alltags sind, sondern „Inseln der Heiligkeit“. Während der Mensch versucht, den Raum zu erobern, lehrt uns Emor, wie wir die Zeit heiligen.

Der Schabbat steht am Anfang dieser Liste. Er ist das Fundament. Ohne die Fähigkeit, in der Zeit innezuhalten, verlieren wir den Kontakt zum Ewigen. Heiligkeit ist nach Heschel die Antwort auf G´ttes Ruf in der Geschichte. Und eine kleiner Hinweis am Rande. Nur dadurch, dass den Juden durch G´tt die Ruhe am Schabbat befohlen wurde und die Übertretung derselben mit schreecklichen Strafen sanktioniert wurde, ergab, das es Juden bis heute gibt. Die Römer unbd die Griechen machten sich nämlich über die angebliche Faulheit der Juden lustig. Ende vom Lied, weder die antiken Griechen noch die antiken Römer gibt es heute noch!

Fahren wir mit unserem nächsten wichtigen Kommentator fort – mit Samson Raphael Hirsch:

Heiligkeit durch Unterscheidung

Rabbi Samson Raphael Hirsch betont in seinem Kommentar, dass die Priestergesetze keine Privilegien sind, sondern Pflichten der Selbstbeherrschung. Für Hirsch ist der Kohen ein Symbol für den idealen Menschen, der seine Triebe unter das Gesetz G´ttes stellt. Die Unterscheidung zwischen „rein“ (tahor) und „unrein“ (tame) ist für Hirsch der Schlüssel zur geistigen Freiheit. Nur wer unterscheiden kann, kann auch wählen; und nur wer wählen kann, ist wahrhaftig frei.

Das führt uns zum nächsten wichtigen Kommentator, zu Nehama Leibowitz. Nechama Leibowitz lenkt unsere Aufmerksamkeit auf dass Omer-Zählen als Wachstum in Stufen.

Hier sind die  Nuancen des Textes wichtig. Beim Zählen des Omer, das wir gerade vollziehen, geht es um die Verbindung zwischen der physischen Freiheit (Pessach) und der geistigen Bestimmung (Schawuot). Leibowitz würde uns daran erinnern, dass Heiligkeit ein Prozess ist. Man wird nicht heilig durch einen einzigen Akt, sondern durch das tägliche, bewusste Zählen und Wachsen. Jeder Tag zählt, jede Tat hat Gewicht.

Nun kommen wir zu einem meiner favorisierten Kommentatoren, Rabbi Joseph Telushkin, der Telushkiner Raw.

Rabbi Joseph Telushkin weist uns in seinen ethischen Reflexionen immer wieder darauf hin, dass unsere Worte Welten erschaffen oder zerstören können. Die Parascha beginnt mit „Emor“ (Sprechen) und endet mit der Tragödie des G´tteslästerers.

Raw Telushkin betont, dass die Heiligkeit des Namens G´ttes untrennbar mit der Würde des Menschen verbunden ist. Wer G´ttes Namen missbraucht, verliert den Respekt vor der Schöpfung. Unsere Sprache ist das Werkzeug, mit dem wir Kiddusch HaSchem – die Heiligung des Namens – im Alltag vollziehen.

Nun kommen wir zum Maharal von Prag. Er betonte die kosmische Dimension der Zahlen in unserer Paraschah.

Der Maharal lehrt uns, dass die Zahl Sieben die Natur repräsentiert, während die Zahl Acht für das Übernatürliche, das G´ttliche steht. In Emor sehen wir dies bei den Opfern (ab dem achten Tag) und den Festen. Heiligkeit bedeutet für den Maharal, die physische Welt (7) mit dem g´ttlichen Licht (8) zu verbinden. Wir leben in der Natur, aber wir sind berufen, über sie hinauszuwachsen.

Rav Awraham Kook betont die innere Einheit.

Für ihn ist die Heiligkeit der Priester und der Feste nur ein Teil einer größeren, universellen Heiligkeit. Er sah im jüdischen Volk die Priester der gesamten Menschheit. Er lehrt uns, dass selbst in den strengen Verboten der Parascha eine tiefe Liebe zur Schöpfung steckt. Alles drängt zur Vollkommenheit. Wenn wir die Gesetze von Emor halten, heilen wir nicht nur uns selbst, sondern funken Licht in die ganze Welt. Und das galt nicht nur damals sondern gerade heute in unserer ach so aufgeklärten Welt.

Zuletzt der Maharam.

Der Maharam erinnert uns durch seine Standhaftigkeit daran, dass die Bewahrung der Tradition Opfer erfordert. Die Vorschriften für die Priester in der Haftara bei Hesekiel unterstreichen, dass Führungspersönlichkeiten eine höhere Verantwortung tragen. Integrität ist nicht verhandelbar.


Fazit

Mögen wir in dieser Woche die Lehren von Emor verinnerlichen. Lassen Sie uns unsere Zeit mit Bedeutung füllen (Heschel), unsere Handlungen mit Disziplin veredeln (Hirsch), unsere Worte mit Bedacht wählen (Telushkin) und stetig an uns arbeiten (Leibowitz), um die g´ttliche Verbindung in dieser Welt spürbar zu machen.

Schabbat Schalom!