Ansprache des Gemeindevorsitzenden zum Fest Lag BaOmer (18. Ijar 5786)
Schalom und herzliches Willkommen an alle!
Es ist mir eine große Freude, Sie heute hier versammelt zu sehen – und das Beste daran ist: Wir sehen uns heute endlich mal nicht nur im Licht der Schabbat-Kerzen oder im feierlichen Ernst der Synagoge, sondern im warmen (und hoffentlich rauchigen) Schein eines Lagerfeuers und heute ist es sogar warm, dass wir gerne draußen sitzen und das leckere Steak und das fränkische Bier genießen können.
Wir feiern Lag BaOmer. Ein Tag, der im jüdischen Kalender wie ein „Pop-up-Event“ wirkt. Er steht nicht in der Tora, und wie ich schon eingangs erwähnte: Die ganz alten Klassiker – die großen Geister wie der Maharal von Prag oder der Maharam – hielten sich hier vornehm zurück. Selbst Samson Raphael Hirsch, der sonst zu fast jedem jüdischen Atemzug eine tiefschürfende Erklärung parat hatte, lässt uns hier ein wenig im Regen (oder am Feuer) stehen.
Aber das macht nichts! Denn das Judentum wäre nicht das Judentum, wenn wir nicht auch für die „inoffiziellen“ Tage weise Worte fänden. Wenn wir heute in die Flammen schauen, dann sehen wir darin eigentlich drei verschiedene Feuer, die unsere Geschichte geprägt haben.
1. Das Feuer der Menschlichkeit
Zuerst ist da das Licht des Rabbi Akiva. Die Legende erzählt von einer tragischen Epidemie, die 24.000 seiner Schüler dahinraffte. Warum? Der Talmud sagt uns ganz nüchtern: „Weil sie einander nicht den gebührenden Respekt erwiesen.“ An Lag BaOmer, dem 33. Tag der Omer-Zählung, hörte das Sterben plötzlich auf.
Rabbi Joseph Telushkin bemerkt dazu treffend, dass Ethik im Judentum keine abstrakte Philosophie ist, sondern eine Überlebensstrategie. 24.000 Studenten – das ist eine Menge Ego auf einem Haufen! Dass sie aufhörten zu sterben, weil sie lernten, einander zuzuhören, ist vielleicht das größte Wunder dieses Tages. Respekt ist der Sauerstoff, der das Feuer einer Gemeinde am Brennen hält.
2. Das Feuer des Widerstands
Aber Lag BaOmer hat auch eine ganz handfeste, historische Seite. Es ist die Zeit des Bar-Kochba-Aufstandes gegen die römische Besatzung. Die Lagerfeuer waren damals kein gemütlicher Grillabend, sondern strategische Signalketten auf den Berggipfeln. Sie riefen: „Wir sind noch da! Wir geben nicht auf!“
Dieses Feuer steht für unseren physischen Mut. Es erinnert uns daran, dass wir als Gemeinschaft das Recht und die Pflicht haben, für unsere Identität einzustehen. Wenn wir heute unser Feuer entzünden, dann tun wir das in dieser Tradition: Wir zeigen, dass unsere Gemeinde lebendig, sichtbar und unbeugsam ist.
3. Das Feuer der Spiritualität
Und schließlich begegnen wir dem Mystiker Rabbi Schimon bar Jochai, dem Raschbi. Man sagt, an seinem Todestag – an Lag B- Omer – strahlte ein so helles Licht von ihm aus, dass die Sonne vor Neid nicht untergehen wollte. Er lehrte uns, dass die Torah eine Seele hat, die tiefer liegt als die bloßen Buchstaben des Gesetzes.
Nechama Leibowitz, die uns immer so scharfsinnig auf den Boden der Tatsachen zurückholt, würde uns vielleicht daran erinnern, dass dieses mystische Licht nur dann wertvoll ist, wenn wir es im Alltag anwenden. Ein Feuer wärmt nur, wenn man nah genug herantritt.
Rabbi Lord Jonathan Sacks sel. A. schrieb einmal, dass der jüdische Glaube keine Angst vor der Dunkelheit hat, weil wir wissen, wie man ein Licht entzündet. Und Abraham Joshua Heschel würde uns dazu aufrufen, heute Abend mit „radikalem Staunen“ in die Funken zu blicken. Staunen darüber, dass wir nach all den Jahrhunderten immer noch hier sind, immer noch zusammen feiern und immer noch wissen, wie man ein ordentliches Fest feiert. Entgegen sämtlichen Judenfeinde im In- und Ausland.
Liebe Gemeinde, nachher wenn sie nach draußen gehen, um die Steaks und den Fisch zu genießen, kommen Sie zu den Holzkohlegrills, und schauen Sie gleich in das Feuer:
- Die Glut ganz unten, das ist unsere Geschichte und die Standhaftigkeit eines Bar Kochba.
- Die Wärme, die Sie im Gesicht spüren, das ist die Menschlichkeit und der Respekt, den Rabbi Akiva uns lehrte.
- Und die Funken, die nach oben in den Himmel stieben – das ist die Spiritualität des Raschbi, die uns über den Alltag hinaushebt.
Lassen Sie uns heute Abend gemeinsam erinnern, genießen und vor allem lachen. Denn wie schon Rabbi Nachman sagte: Es ist eine große Mitzwa, sich immer freuen zu können.
In diesem Sinne: Lassen Sie uns die Steaks und Makrelen wenden, die Lieder singen und das Licht von Lag BaOmer mit in unseren Alltag nehmen.
Wir feiern heute aber auch zusätzlich das Ende des Krieges und Muttertag. Ein Hoch auf die alliierten Soldaten Russlands, Amerikas, Frankreichs und Großbritanniens, die Europa befreit haben. Und genauso ein Hoch an alle Mütter dieser Welt.
Lag BaOmer Sameach!
Martin Arieh Rudolph