Drascha zu Chukkat-Balak

Liebe Gemeinde, Schabbat Schalom!

​Der Doppelwochenabschnitt vom vergangenen Schabbat Chukkat-Balak  mutet uns heute einiges zu. Wenn wir ehrlich sind, sind diese zwei Parschiot ein einziger Albtraum von Verlust, Kontrollverlust und menschlichem Versagen. 

Vergessen Sie die romantische Vorstellung vom jüdischen Volk, das harmonisch durch die Wüste zieht. Chukkat-Balak konfrontiert uns mit der nackten, brutalen Realität des Lebens.

​Es beginnt mit dem Tod. Miriam stirbt, die Prophetin, die das Volk mit ihrem Brunnen durch die Wüste getragen hat. Und kaum ist sie begraben, was tut das Volk? Sie weinen nicht, sie trauern nicht um sie. Sie haben Durst.

Sie gehen zu Mosche und Aaron und schreien sie an: „Warum habt ihr uns aus Ägypten herausgeholt, um uns an diesem elenden Ort sterben zu lassen?“ Keine Empathie für die Trauernden. Nur der nackte, egoistische Überlebensdrang. Nicht umsonst sprechen wir von einem hartnäckigen Volk  hartnäckig nicht als Lob einer Herausforderung, sondern schlichte Unverschämtheit.

​Und dann sehen wir den absoluten Tiefpunkt in der Führung des jüdischen Volkes: Mosche, der größte Prophet aller Zeiten, bricht unter dem Druck zusammen. G’tt sagt ihm: „Sprich zum Felsen.“ Doch Mosche spricht nicht. Er schaut die Gemeinde an, nennt sie voller Verachtung „ihr Rebellen“ und schlägt zweimal brutal mit dem Stock auf den Stein. Es kommt zwar Wasser und das Volk trinkt gierig, aber es ist genau das, was G’tt es dann nennen wird: “Haderwasser”.

​Diese Nichtfolge von Moses bzgl. des Befehls von G’tt ist kein Kavaliersdelikt. Das ist der Moment, in dem die Führung komplett versagt, weil sie das Vertrauen in die Menschen verloren hat. Und G’ttes Urteil ist unbarmherzig: Mosche wird das Ziel seiner Reise niemals erreichen. Er wird in der Wüste sterben.

​Als wäre das nicht genug, sterben kurz darauf Aaron und Tausende von Israeliten durch giftige Schlangen. Und kaum haben sie diese Katastrophe überstanden, schlittern sie am Ende der Parascha in die nächste moralische Katastrophe: Sie lassen sich mit den Töchtern Moabs ein und enden im sexuellen Exzess und dem Kult des Baal-Peor. Wieder sterben 24.000 Menschen durch eine Plage.

​Das ist die Bilanz unserer heutigen Tora-Lektüre: Tod, Rebellion, der Absturz des Anführers und der moralische Bankrott des Volkes.

​Und als ob das nicht reicht, zeigt uns die Haftara des Propheten Micha, dass G’tt unsere religiöse Heuchelei durchschaut.

Micha schleudert uns entgegen: Glaubt ihr wirklich, G’tt will eure feinen Schabbat-G’ttesdienste, eure spendierten Kidduschim oder eure Lippenbekenntnisse, wenn draußen die Welt ungerecht ist? Glaubt ihr, G’tt lässt sich mit tausend Widdern oder Flüssen von Öl bestechen?

​Wir stehen somit vor den Trümmern unserer eigenen Schwächen. Die Torah hält uns einen unbarmherzigen Spiegel vor: Wir sind verletzlich, wir sind fehlerhaft, und wir neigen dazu, im Moment der Krise genau die Menschen zu schlagen, die uns eigentlich helfen wollen – so wie Mosche den Felsen schlug, und so wie Bileam später seine Eselin schlägt, weil sie ihm im Weg steht.

​Genau in diesem Moment der inneren Zerrissenheit, in dem das Volk Israel schwach, demoralisiert und sündig ist, schwenkt die Torah die Perspektive.

Wir verlassen das Lager Israels und steigen auf die Berge von Moab.

​Dort steht Balak, der König von Moab, zusammen mit dem Propheten Bileam. Und was tun sie? Sie schauen von oben herab auf dieses fehlerhafte Volk. Balak hat Angst vor der bloßen Existenz Israels. Er engagiert Bileam nicht, um mit Argumenten zu streiten, sondern um dieses Volk durch den „bösen Blick“ und durch Flüche metaphysisch auszulöschen.

​Das ist die Urform des Antisemitismus. Er wartet nicht, bis wir perfekt sind. Er nutzt unsere inneren Krisen aus, um uns das Existenzrecht abzusprechen. Das war damals so und ist es heute nicht minder.

​Der Maharam von Rothenburg, Rabbi Meir, hat diese Brutalität der Außenwelt im 13. Jahrhundert am eigenen Leib erfahren. Er saß jahrelang in der Festung Ensisheim in Haft, weil die christliche Obrigkeit ihn als Geisel nahm, um die jüdischen Gemeinden finanziell auszubluten. Der Maharam verbot seiner Gemeinde, das horrende Lösegeld zu zahlen – er opferte sein Leben und starb im Gefängnis, um zu verhindern, dass die Geiselnahme von Juden zu einem lohnenden Dauerschäft für die Antisemiten wird.

​Der Maharam wusste genau, was Balak und Bileam im Schilde führten: Die Außenwelt blickt oft auf uns mit dem kalkulierenden, zerstörerischen Auge Balaks. Sie sehen uns nicht als Individuen, sie sehen uns als Bedrohung, die man erst wie Vieh ausbeuten und dann beseitigen muss.

​Aber jetzt passiert das scheinbare Wunder der Parascha: Bileam will fluchen, aber aus seinem Mund kommt Segen. Warum?

​Hier gibt uns der Maharal von Prag die entscheidende Antwort. Der Maharal erklärt, dass die Existenz des jüdischen Volkes kein historischer Zufall ist. Es ist kein soziologisches Projekt, das scheitert, wenn die Menschen Fehler machen. G’tt hat diesem Volk eine fundamentale, unzerstörbare Ordnung gegeben – einen Seder, der tief in der spirituellen DNA dieser Welt verankert ist.

​Bileam schaut von den Bergen herab und sucht nach den Sünden Israels – er sucht nach dem Moment, in dem Mosche den Felsen schlug, er sucht nach dem Götzendienst. Er will Israel an seinen Schwachstellen packen.

Aber der Maharal sagt: Man kann die Essenz einer g’ttlichen Idee nicht verfluchen. Sobald Bileam den Mund aufmacht, zwingt G’tt ihn, nicht das Chaos an der Oberfläche zu sehen, sondern den inneren Kern.

​Bileam muss erkennen: Dieses Volk mag im Inneren streiten, es mag schwach sein, Anführer mögen versagen – aber es bleibt das Volk G’ttes. Ihre Existenz steht über der Logik der menschlichen Geschichte.

Und deshalb verwandelt sich der paranoide Hass Balaks auf den Gipfeln der Berge in die berühmtesten Worte unserer Liturgie: „Ma towu ohalecha Jaakov“ – Wie schön sind deine Zelte, Jakob.

Liebe Gemeinde,

​wenn selbst der größte Feind unseres Volkes am Ende anerkennen muss, wie schön unsere Zelte sind – warum fällt es uns dann eigentlich so schwer, diesen Segen im Alltag zu leben?

Die Torah zeigt uns nun einen Ausweg aus dem Chaos, und dieser Ausweg beginnt bei der Art und Weise, wie wir einander ansehen und miteinander sprechen.

​Rabbi Joseph Telushkin lenkt unseren Blick auf eine fast schon tragikomische Szene auf dem Weg zu den Bergen: Bileam reitet auf seiner Eselin, und das Tier verweigert plötzlich den Dienst, weil es den Engel G’ttes sieht. Bileam aber ist blind vor Ehrgeiz und Zorn. Er nimmt den Stock und schlägt das unschuldige Tier brutal.

​Telushkin hält uns hier den psychologischen Spiegel vor: Wie oft verhalten wir sich wie Bileam? Wie oft sind wir blind für die Realität unseres Partners, unseres Kindes oder unseres Nachbarn? Wenn im Alltag etwas nicht nach unserem Plan läuft, schlagen wir verbal um uns. Wir nutzen unsere Sprache als Waffe, um zu verletzen. 

Telushkin erinnert uns an die fundamentale jüdische Ethik: Worte schaffen Welten – oder sie zerstören sie. Bileam wollte fluchen und musste segnen. Wir haben jeden Tag die Wahl, ob wir mit unseren Worten den Fluch Balaks in die Welt tragen oder den Segen G’ttes.

​Und wie sieht dieser Segen aus? Rabbi Abraham Joshua Heschel nannte es das „radikale Staunen“. Als Bileam das Lager Israels sieht, sieht er plötzlich nicht mehr nur Zelte und Menschen. Er wird von heiligem Staunen ergriffen. Er sieht die Würde des jüdischen Lebens. Heschel würde uns heute sagen: Das ist das Ziel unseres jüdischen Daseins. Wir müssen lernen, die Welt nicht mit den berechnenden Augen Balaks zu sehen – Augen, die nur fragen: „Was nützt mir das? Wen kann ich bekämpfen?“

Wir müssen wieder lernen zu staunen. Wenn wir in die Synagoge kommen, wenn wir einander ansehen, sollten wir fähig sein, das G’ttliche im Alltäglichen zu erkennen.

​Das letzte und tröstlichste Wort gehört heute Rav Kook. Rav Kook lebte in einer Zeit, in der das jüdische Volk tief gespalten war – genau wie in unserer Parascha. Viele hatten sich von der Tradition abgewandt. Doch Rav Kook weigerte sich, dieses Volk zu verfluchen oder zu verurteilen. Er sah es mit den Augen G’ttes.

​Rav Kook erklärt das große Paradoxon dieser Doppelparascha: In Chukkat sündigt das Volk, es scheitert, es rebelliert. Aber in Balak wird es gesegnet. Wie passt das zusammen?

Rav Kook sagt: Wenn man nur an der Oberfläche kratzt, sieht man die Fehler, den Schmutz und die Schwächen. Aber in der Tiefe der jüdischen Seele brennt ein heiliges, unlöschbares Licht. Selbst im größten Rebellen, selbst im Moment des tiefsten Absturzes, bleibt der g’ttliche Funke intakt.

​Liebe Gemeinde,

​wir haben mit unserem Wochenabschnitt zuerst das Brutalität von Chukkat-Balak thematisiert, mit dem Sterben in der Wüste und dem Versagen der Führer. Aber wir enden mit der Gewissheit, dass unsere Schwächen nicht das letzte Wort haben.

​G’tt hat die Flüche Bileams in Segen verwandelt. Er sieht das Potenzial in uns, selbst wenn wir es selbst nicht sehen. 

Gehen wir also in dieser Woche aus der Synagoge heraus mit dem Versprechen, einander mit den Augen von Rav Kook und Abraham Joshua Heschel zu sehen: mit Staunen über das Gute im Nächsten. Und nutzen wir unsere Worte im Sinne von Joseph Telushkin – nicht um zu schlagen wie Mosche den Felsen oder Bileam seine Eselin, sondern um die Zelte des anderen zu segnen.

​Schabbat Schalom!

Martin Arieh Rudolph, 1. Vorsitzender (IKG Bamberg)