Am 5. Juli 2026 jährte sich ein ganz besonderes sportliches und gesellschaftliches Ereignis in Oberfranken zum zehnten Mal: Das gemeinsame deutsch-jüdische Blitzschachturnier, ausgerichtet von der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Bamberg und dem traditionsreichen SC 1868 Bamberg. Was als sportliche Begegnung begann, hat sich längst zu einer festen Säule der lokalen Erinnerungskultur und zu einem lebendigen Symbol der Völkerverständigung entwickelt. Bei angenehmen, leicht bewölkten 24 Grad Celsius – eine erlösende Abkühlung nach einer extremen Hitzewelle von bis zu 39 Grad in den Tagen zuvor – fanden sich die Akteure in Bamberg zusammen. Bevor die Uhren gestartet wurden, stand die Stärkung der Gemeinschaft im Mittelpunkt. Ein gemeinsames Mittagessen stimmte die Teilnehmer auf den Turniertag ein, der schließlich um 13 Uhr in eine ebenso faire wie hochklassige Wettkampfphase überging.
Das sportliche Ereignis steht seit einigen Jahren im Zeichen des ehrenden Gedenkens an eine herausragende Persönlichkeit der Bamberger Stadtgeschichte: Moses Höflein. Da der langjährige Schirmherr, Großmeister Dr. Helmut Pfleger, dieses Mal nicht persönlich anwesend sein konnte, übernahm der Vorsitzende der IKG Bamberg, Martin Arieh Rudolph, die Aufgabe, den Anwesenden das bewegende Leben und Wirken Höfleins näherzubringen.
Moses Höflein, geboren am 5. Dezember 1866 in Wüstensachsen in der Rhön, war das Paradebeispiel eines engagierten Bürgers des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Als erfolgreicher Rechtsanwalt, Justizrat und Mitbegründer des Bamberger Anwaltsvereins genoss er im Bildungsbürgertum hohes Ansehen. Seine Leidenschaft gehörte jedoch dem Sport. Er war nicht nur langjähriger Vorsitzender des Schachclubs 1868 Bamberg, sondern führte auch den Männerturnverein – den heutigen TV 1860 Bamberg –, den damals größten Sportverein der Stadt. Am Schachbrett bewies er außergewöhnliche Klasse: 1927 und 1929 errang er den Titel des Oberfränkischen Meisters. Zudem glänzte er als Problemkomponist, der komplexe mathematisch-kreative Schachrätsel entwarf.
Trotz seiner tiefen Verwurzelung in der Bamberger Stadtgesellschaft schützte ihn sein Status nicht vor dem Rassenwahn der Nationalsozialisten. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde Höflein systematisch ausgegrenzt, seiner Ämter enthoben und existenziell bedroht. Im Jahr 1940 gelang dem damals über 70-Jährigen in allerhöchster Not, unmittelbar vor der drohenden Deportation in ein Konzentrationslager, die Flucht. Über Portugal gelangte er auf die Philippinen, wo er 1943 inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs in Manila verstarb.
Das Schicksal von Moses Höflein steht stellvertretend für die systematische Zerschlagung einer blühenden Epoche. Jüdische Spieler, Denker und Theoretiker hatten die Entwicklung des modernen Schachs in Deutschland bis 1933 massiv geprägt und das Spiel von einer intuitiven Kunst zu einer wissenschaftlichen Disziplin erhoben. Legenden wie der langjährige Weltmeister Emanuel Lasker, der Nürnberger Positionslehrer Siegbert Tarrasch sowie die Begründer der „hypermodernen Schule“ wie Richard Réti und Aron Nimzowitsch revolutionierten das Schachspiel von Deutschland aus weltweit.
Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung folgte eine beispiellose Zäsur. Im Zuge der „Gleichschaltung“ verkündete der neue Bundesleiter des Großdeutschen Schachbundes bereits im April 1933 den rigorosen Ausschluss jüdischer Mitglieder. Der sogenannte „Arierparagraph“ löschte jüdisches Leben aus den Vereinen; Namen wurden aus den historischen Tabellen getilgt. Unter tatkräftiger Mithilfe des damaligen Weltmeisters Alexander Aljechin gipfelte dieser Wahn in einer bizarren Rassenideologie, die in einer Artikelserie von 1941 ein angeblich „mutiges arisches“ gegen ein „feiges, rein defensives jüdisches“ Schach ausspielte. Die Schicksale der vertriebenen Meister waren tragisch: Emanuel Lasker floh verarmt in die USA, wo er 1941 verstarb; andere wie der polnische Meister Dawid Przepiórka oder der in Deutschland aktive Niederländer Salo Landau wurden in den Lagern der Nationalsozialisten ermordet.
Ein aktuelles Zeichen später Gerechtigkeit und historischer Aufarbeitung setzte in diesem Kontext die Universität Erlangen im Juli 2026: In einem feierlichen Festakt wurde die posthume Aberkennung des Doktortitels von Emanuel Lasker durch die Nationalsozialisten aus dem Jahr 1939 offiziell für nichtig erklärt und korrigiert.
Zurück im Jahr 2026 zeigte sich in Bamberg, dass das Erbe dieser Denker im sportlichen Wettstreit fortlebt. Unter der souveränen Leitung des Schiedsrichters Claus Kuhlemann entwickelte sich an den Brettern ein hochklassiges Turnier mit insgesamt 20 Teilnehmern. Nach sieben spannenden Runden sicherte sich Ralf Mittag den Gesamtsieg, dicht gefolgt von Yaroslav Demchenko auf dem zweiten und Markus Böhme auf dem dritten Platz.

Der Jugendpreis ging an das Nachwuchstalent David Valean, während Theresa Karl als beste und einzige Dame des Turniers geehrt wurde. Die DWZ-Ratingpreise gingen an Christian Baldszuhn (Kategorie DWZ 1900), Sergej Muchamedow (DWZ 1600) sowie an den vereinslosen David Urbanik (ohne DWZ). Den Seniorenpreis nahm der erfahrene Spieler und Vorsitzende des SC1868, Prof. Dr. Peter Krauseneck entgegen.

Obwohl der Wunsch der Veranstalter, auch Gäste aus anderen jüdischen Gemeinden der Region und den Gemeinden der an Deutschland angrenzenden Länder begrüßen zu dürfen, unerfüllt blieb – als einziges jüdisches Mitglied nahm Semen Drabkin (unser Gemeindemitglied) am Turnier teil –, war die Atmosphäre von tiefer Harmonie und gegenseitigem Respekt geprägt. Das 10. Bamberger Blitzschachturnier hat erneut bewiesen, dass Sport Brücken über Generationen, Kulturen und schmerzhafte historische Gräben hinweg bauen kann. Das Gedenken an Moses Höflein bleibt in Bamberg lebendig – Zug um Zug, Jahr für Jahr.
Martin Arieh Rudolph unter Verwendung der Ergebnisse des Turniers, erstellt von Claus Kuhlemann, Fotos: privat