Einleitung: Der dunkelste Tag im jüdischen Kalender
Es gibt Tage im Jahr, die tragen eine Schwere in sich, bevor das erste Wort gesprochen oder das erste Gebet gesprochen ist. Der 9. Aw – Tischa B’Aw – ist ein solcher Tag. Im jüdischen Kalender markiert er den absoluten Tiefpunkt des Jahres, einen Schnittpunkt von Trauer, Verlust und Katastrophe. Während der Versöhnungstag (Jom Kippur) ein Tag der spirituellen Inkehr und Reinigung ist, an dem ebenfalls gefastet wird, ist Tischa B’Aw ein Tag der nationalen und existentiellen Klage.
Es ist der Tag, an dem die Zerstörung des Ersten Tempels durch die Babylonier im Jahr 586 v. d. Z. und die Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. d. Z. zusammenfallen. Doch im Laufe der Jahrhunderte ist der 9. Aw zu einem gigantischen Sammelbecken des jüdischen Schmerzes geworden. Es scheint, als habe die Geschichte die bittersten Stunden eines Volkes an diesem einen Datum verdichtet.
1. Die Chronologie der Katastrophen: Ein Datum als Brennglas
Die rabbinische Tradition im Traktat Taanit der Mischna lehrt, dass am 9. Aw fünf schwere Unglücke geschehen sind:
- Das Urteil über die Wüstengeneration: Nach dem Bericht der Kundschafter im Buch BaMidbar weigerte sich das Volk, das Land Kanaan zu betreten. Die Weigerung und das fehlende Vertrauen führten zum Urteil, dass diese Generation 40 Jahre lang durch die Wüste wandern und das versprochene Land nicht sehen sollte.
- Die Zerstörung des Ersten Tempels: Das religiöse und politische Zentrum des antiken Juda fiel durch die Truppen des babylonischen Königs Nebukadnezars.
- Die Zerstörung des Zweiten Tempels: Titus und seine römischen Legionen brannten den Tempel 70 n. d. Z. nieder, zerschlugen die jüdische Autonomie und leiteten eine zweitausendjährige Diaspora ein.
- Der Fall von Betar: Der Bar-Kochba-Aufstand gegen die Römer scheiterte im Jahr 135 n. d. Z. endgültig. Die Festung Betar fiel, Tausende kamen um.
- Die Pflügung Jerusalems: Ein Jahr nach dem Niedergang des Bar-Kochba-Aufstands pflügte der römische Feldherr Turnus Rufus den Tempelberg um und errichtete auf den Trümmern Jerusalems die heidnische Stadt Aelia Capitolina.
In der nachbiblischen und modernen Geschichte setzte sich diese unheimliche Kette fort. Die Vertreibung der Juden aus England (1290) und aus Spanien (1492) fiel auf diesen Zeitraum, ebenso wie der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 – ein Ereignis, das die politische Ordnung Europas erschütterte und den Weg für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts ebnete.
2. Liturgie und Ritus: Die Ästhetik des Verlusts
Die Trauer von Tischa B’Aw ist kein abstraktes Gedenken. Sie ist eine körperliche, sinnliche Erfahrung. Wie bei einem persönlichen Trauerfall (Awelut) zieht sich der Einzelne wie die Gemeinschaft aus dem Komfort des Alltags zurück.
Die Einschränkungen des Tages
Für volle 25 Stunden – von Sonnenuntergang bis zum Erscheinen der Sterne am Folgetag – gelten strengste Enthaltungen. Es wird weder gegessen noch getrunken. Salben, Kosmetika und das Tragen von Lederschuhen sind untersagt, ebenso wie eheliche Beziehungen. Selbst das Studium der Torah, das im Judentum als Quelle der Höchsten Freude gilt, ist an diesem Tag verboten – ausgenommen sind Texte, die sich mit Trauer, Leiden und der Zerstörung beschäftigen, wie das Buch Hiob oder die Klagelieder Jeremias.
Die Atmosphäre in der Synagoge
Am Abend von Tischa B’Aw verändert sich der Raum der Synagoge radikal:
- Licht und Schatten: Das Licht wird gedimmt, oft brennen nur wenige Kerzen.
- Erniedrigung: Die Betenden sitzen nicht auf Bänken oder Stühlen, sondern auf niedrigen Schemeln oder direkt auf dem Boden – ein physischer Ausdruck des Gefallenseins.
- Die Klagelieder (Echa): Mit einer eigenartigen, melancholischen Melodie wird das Buch der Klagelieder verlesen. „Wie einsam sitzt sie da, die einst so volkreiche Stadt…“ hieß es einst über Jerusalem.
- Die Kinot: Am Morgen werden langgezogene Elegien gelesen, die im Mittelalter und in der Neuzeit verfasst wurden. Sie besingen nicht nur Jerusalem, sondern auch die Pogrome während der Kreuzzüge, die Verbrennungen des Talmuds und die Greuel der Shoah.
3. Die innere Ursache: Die Kritik der Rabbiner an der Gesellschaft
Spannend und zeitlos ist die Art und Weise, wie die jüdische Tradition die Zerstörung des Tempels erklärt. Die Rabbiner gaben nicht primär der militärischen Übermacht Babylons oder Roms die Schuld. Sie blickten nach innen.
Der Talmud (Joma 9b) stellt eine berühmte Frage: Warum wurde der Erste Tempel zerstört? Weil darin drei Todsünden herrschten: Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen. Warum aber wurde der Zweite Tempel zerstört, wo die Menschen doch Tora studierten und die Gebote hielten? Die Antwort der Rabbiner ist erschütternd: Wegen grundlosem Hass (Sin’at Chinam).
Die Zerstörung der äußeren Mauern Jerusalems war nur das späte Echo einer Zerstörung, die längst im Inneren der Gesellschaft stattgefunden hatte. Wenn Entfremdung, Zynismus und das Unvermögen, den anderen zu achten, eine Gemeinschaft zersetzen, braucht es keinen äußeren Feind mehr, um eine Festung zu bringen – sie stürzt von selbst ein.
Diese Einsicht nimmt Tischa B’Aw die reine Opferrolle. Der Tag fordert Selbstreflexion: Wo lassen wir zu, dass gesellschaftliche Spaltung und grundloser Hass das Gefüge unseres Zusammenlebens ruinieren?
4. Die Dialektik der Hoffnung: Vom Trümmerfeld zur Erneuerung
So dunkel der 9. Aw auch ist, er steht niemals für sich allein. Das Judentum weigert sich konsequent, in der Tragödie stehenzubleiben.
Eine berühmte Geschichte aus dem Talmud erzählt von Rabbi Akiba und seinen Kollegen, die über die Trümmer des zerstörten Tempels gingen. Während seine Gefährten weinten, als sie einen Fuchs aus dem Allerheiligsten herauskommen sahen, lachte Rabbi Akiba. Auf die schockierte Frage seiner Freunde, wie er in diesem Moment lachen könne, antwortete er: Die Prophezeiung der Zerstörung hat sich bewahrheitet. Nun weiß ich mit absoluter Gewissheit, dass sich auch die Prophezeiung des Wiederaufbaus und der Versöhnung bewahrheiten wird.
Es gibt eine alte Überlieferung, die besagt, dass der Maschiach am Tag von Tischa B’Aw geboren wird. In dieser Metapher liegt eine tiefgründige Weisheit: Der Keim der Erlösung liegt genau dort begraben, wo der Schmerz am tiefsten ist.
Gleich nach Tischa B’Aw dreht sich die Dynamik des jüdischen Jahres schlagartig um. Es folgt der Schabbat Nachamu – der Sabbat des Trostes – und die sieben Wochen der Tröstung, die direkt auf die Hohen Feiertage Rasch ha-Schana und Jom Kippur hinführen. Der Schmerz bleibt Teil des Gedächtnisses, aber er hat nicht das letzte Wort.
Fazit: Was uns Tischa B’Aw heute sagt
In einer Kultur, die zur ständigen Optimierung, zur Verdrängung von Trauer und zur schnellen Ablenkung neigt, wirkt Tischa B’Aw wie ein radikaler Gegenentwurf. Er zwingt uns, innezuhalten und den Verlust auszuhalten. Er erlaubt es, zu klagen, ohne sofort eine vorschnelle Lösung parat haben zu müssen.
Tischa B’Aw lehrt uns drei Dinge:
- Das Recht auf Trauer: Ein Volk oder ein Mensch, der verlernt hat zu weinen, verliert die Fähigkeit, tiefe Empathie zu empfinden.
- Die Verantwortung für die Gemeinschaft: Gesellschaften zerbrechen nicht zuerst an äußeren Krisen, sondern am Mangel an innerer Solidarität.
- Unbeugsame Hoffnung: Man kann auf Trümmern stehen und dennoch den Blick auf die Zukunft richten. Das Gedächtnis bewahrt die Vergangenheit nicht, um in ihr zu erstarren, sondern um aus ihr die Kraft für den Neubau zu schöpfen.
Martin Arieh Rudolph, 1. Vorsitzender, IKG Bamberg