Am 13. Februar 2025 (15. Schwat 5785) feierte die Israelitische Kultusgemeinde Bamberg das jüdische “Tu Bi Schwat”-Fest, das sogenannte Neujahrsfest der Bäume (wörtlich: das Fest “des 15. Schwat”). Dazu hielt Martin Arieh Rudolph, der 1. Vorsitzende, eine Ansprache.

Ökologie ist eine höchst praktische Teildisziplin der Wissenschaft. Nichts könnte uns mehr „auf den Boden der Wirklichkeit zurückbringen“, als die Bewahrung des Planeten, doch gibt es eine Facette des ökologischen Bewusstseins, die oft übersehen wird – die spirituelle Dimension. Wenn wir uns nur mit uns selber beschäftigen, anderen Personen oder Dingen, die außer uns existieren, wenig oder keine Achtung entgegenbringen, verfallen wir unmittelbar in moralisches und spirituelles Fehlverhalten. Wie das jiddische Sprichwort lautet, „ein blindes Pferd führt geradewegs in die Grube.“
Zahllose Gesetze in der Thora beschwören uns die Augen zu öffnen, verantwortlich und mitfühlend hinsichtlich unserer Umwelt zu handeln. Neben anderen ökologischen Vorschriften wurden die Gesetze von bal taschchis (dies bedeutet weder mutwillig zu zerstören, noch Ressourcen unnötig zu verschwenden); das Verbot während Kriegszeiten Früchte tragende Bäume in feindlichem Gebiet zu fällen usw. verkündet. Dabei zeigt die Thora, dass, auch wenn wir uns uneins mit der Natur fühlen, die Welt in Wahrheit ein harmonisches Ganzes ist, in dem jeder Bestandteil einzigartig und wertvoll ist.
Raw Awraham Jitzchak Kook (1865-1935), einer der führenden Denker des 20. Jahrhunderts, formulierte diese Idee in seinem Buch „Orot ha-Kodesch – Licht der Heiligkeit – wie folgt: „Wenn du erstaunt bist, wie es möglich ist zu sprechen, zu hören, zu riechen, zu berühren, zu sehen, zu verstehen und zu fühlen – sag deiner Seele, dass alle lebenden Dinge dir die Fülle deiner Erfahrung geben. Nicht das geringste bisschen ist überflüssig, alles wird benötigt und dient seinem Ziel. ‘Du’ bist gegenwärtig in allem was unter dir ist, und du bist verbunden mit allem was über dir ist.“
Eine spirituell eingestellte Person wird erkennen, dass jedes Geschöpf im Wesentlichen mit jedem anderen Geschöpf verbunden ist und dass wir ein gemeinsames Schicksal teilen. Unser grundsätzliches Verhalten sollte von Mitgefühl geprägt sein, nicht von Habgier oder Aggression. Diese Ethik bezieht sich auf alle Stufen der Schöpfung. Wie der bedeutende Kabbalist Rabbi Mosche Cordovero aus Safed (“RaMaK,” 1522-1570) in seinem Buch Tomer Deborah – Die Dattelpalme der Deborah – beschworen hatte: „Das Mitgefühl eines jeden sollte sich auf alle Geschöpfe ausdehnen und man sollte sie weder verachten noch vernichten; die g’ttliche Weisheit, welche jegliches Leben entstehen lässt, erstreckt sich über die ganze Schöpfung – die „schweigende“ oder mineralische, Stufe, die Flora (Pflanzen) und Fauna (Tiere und Menschen).
Dies ist der Grund, warum uns unsere Weisen davor gewarnt haben, Essen respektlos zu behandeln oder G´tt behüte, achtlos wegzuwerfen. Wie die g´ttliche, also übernatürliche, Weisheit nichts verachtet, seit alles erschaffen wurde – wie es geschrieben steht, ‘Sie alle hast Du mit Weisheit gemacht’ (Psalmen 104:24) – ein Mensch sollte Mitgefühl zu allen Werken, die der Heilige, gelobt sei Er, erschaffen hat, zeigen.
Die Worte des RaMaK’s lassen ein Weltbild erkennen, bei dem G’tt im Mittelpunkt steht, im Gegensatz zu anderen Weltbildern, welche den Menschen oder die Natur in den Mittelpunkt stellen. Mit den Worten des Baal Schem Tow (Rabbi Israel ben Eliezer, Gründer des Chassidismus, 1698-1760), wir müssen nach dem Wohlergehen von allen streben, denn wir sind alle Geschöpfe G’ttes, erschaffen Seinen Willen zu erfüllen.
Dieser sagte in seinem Buch Tzawa’at ha Rivasch – Das Testament des Rabbi Baal Schem Tow, eine Sammlung der Lehren des Rabbi Baal Schem Tow und seines Nachfolgers, Rabbiner Dow Bär von Mesritsch: „Halte dich nicht für etwas Besseres anderen gegenüber …“. Denn „In Wahrheit bist du nicht anders als jedes andere Geschöpf, da alle Dinge erschaffen wurden um G’tt zu dienen. Genau wie G’tt dir das Bewusstsein verleiht hat, so verleiht Er auch deinem Mitmenschen dessen Bewusstsein.“
Diese Verwandschaft aller Geschöpfe und die geteilte Mission G’tt zu dienen, jedes Geschöpf in seinem eigenen Weg, wird oftmals mit einem gewaltigen Lied verglichen. Wie wir während der Schabbat-Gebete sagen, „Die Seele alles Lebenden soll Deinen Namen preisen … Alle Herzen sollen sich dir zuwenden.“ Tatsächlich ist es so, dass, wenn der Talmud die mystischen Erfahrungen beschreibt, sich diese prophetische Weisheit mit dem Lied verbindet. Die Weisen erzählen, wie Rabbi Elazar ben Arach seine Bereitschaft zum Studium der Mysterien seinem Lehrer gegenüber zeigte, Rabbi Jochanan – an welchem Punkt waren die Bäume des Feldes umschlossen von himmlischen Feuer begannen zu singen und wiederholten die Verse des Psalm 148: „Lobet G’tt von der Erde, Meeresungeheuer und alle Tiefen … Berge und alle Hügel, Fruchtbäume und alle Zedern.“ … Lobet G’tt!“
Wenn wir ganz genau hören, so kann dieses Lied noch gehört werden. Rabbi Arie Lewin (der „Zaddik von Jerusalem“, 1885-1969) erzählte, wie er einmal mit seinem Mentor, Raw Awraham Jitzchak Kook, in den Feldern ging. Auf ihrem Weg sprachen sie über die Thora, als Rabbi Lewin eine Blume pflückte. Daraufhin bemerkte Raw Kook, „Zeitlebens habe ich mich darum bemüht nie einen Grashalm oder eine Blume grundlos zu pflücken, wenn es die Möglichkeit zum Wachstum oder zur Blüte gab. Du kennst die Lehren unserer Weise, dass nicht ein einziger Grashalm auf Erden wächst, der nicht einen Engel über ihm hat, der ihm zu wachsen gebietet. Jeder Spross und jedes Blatt sagt etwas bedeutungsvolles, jeder Stein flüstert in der Stille einige verborgene Botschaften – jedes Geschöpf singt sein Lied.“
„Die Worte unser großen Meister,“ schloss Rabbi Lewin, „gesprochen von einem reinen und heiligen Herzen, prägten sich tief in mein Herz. Von diesem Tag an, begann ich ein starkes Mitgefühl zu allen, mich umgebenden Dingen zu haben.“
Was lernen wir daraus? Nun, einerseits, für die uns umgebende Natur Verständnis zu finden und G´ttes Gaben achtsam zu behandeln und die Erde nicht zu zerstören, zum andern aber auch das Fest Tu BiSchwat, das Neujahr der Bäume, in unsere Seele hineinzulassen.
Zahlreich sind die Stellen in unseren alten Quellen, die die Bedeutsamkeit des Baumes als Sinnbild hervorheben. Eine dieser Stellen, in der das Volk Israel mit einem Baum verglichen wird, ist dieser hier: „Wie die Tage der Bäume sind die Tage meines Volkes” (Jeschajahu 11,1).
Die Rede des 1. Vorsitzenden kann hier auf Russisch gelesen werden:
Die Feier wurde von der ganzen Gemeinde mitgestaltet; es wurde dabei gesungen, getanzt, sich ausgetauscht. Der Tradition entsprechend erfreuten sich alle an den Früchten des Landes Israel, an Speisen und Getränken:
In Zukunft wurzelt Jakob, blüht und knospet Israel, füllt die Welt mit Früchten.
(Jeschaja/Jesaja 27,6, nach Ludwig Philippson 1858)
IKG Bamberg