Wir trauern um Iossif Chimchelevitch

Trauerrede für Iossif Chimchelevitch, gestorben am 8. Januar 2026

Liebe Angehörige, Gemeindemitglieder und Freunde von
Iossif Chimchelevitch,

Iossifs Tod reißt in seiner Familie und in unserer Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg eine Lücke auf, die nicht zu schließen ist. Ein Mensch, der zwar mit 86 Jahren, im März hätte er den 87. Geburtstag feiern können, wurde dennoch viel zu früh und für die meisten völlig überraschend am 8. Januar mitten aus dem Leben gerissen. Wir, die Überlebenden, bleiben zurück. Iossif ist in seine neue Welt gegangen, zu der wir, zumindest vorerst, keinen Zutritt haben.

Das Leben ist wie ein Zug, der in eine unbekannte Richtung fährt. Auf diesem Weg steigen Menschen zu, die wir entweder nicht beachten oder die uns zu guten Freunden und Lebenspartnern werden und irgendwann steigen sie wieder aus und wir fahren weiter einem ungewissen Ziel entgegen.

Der Tod ist so ein Ausstieg bzw. eine Tür, durch die Iossif  gegangen ist und durch die wir dereinst gehen, also den fahrenden Zug verlassen werden. Die Hoffnung, unsere Lieben dereinst an einem anderen und hoffentlich besseren Ort wiederzusehen, läßt uns nicht in dem Jammertal der Angst verzagt zurück, denn diese Hoffnung gibt uns Zuversicht, diese schmerzhafte Lücke, die der unerwartete Tod von Iossif verursacht hat, annähernd zu füllen. Es bleibt immer eine Lücke, aber wir ehren unsere Verstorbenen, denn nur der ist unvergessen, an den man sich erinnert. Wer vergessen wird, der ist wahrlich tot.

Die Hoffnung, unverzagt im Leben vorwärts zu schreiten, weil wir hoffen, von G ́tt getragen zu werden, bringt mich zum Bibelwort aus dem 5. Buch Moses, aus Kapitel 31, Vers 8, da uns, die Zurückgebliebenen vielleicht ein wenig trösten kann:

„Und der Ewige, der vor dir einhergeht, er wird mit dir sein;
er wird dich nicht lassen und dich nicht verstoßen, fürchte
nicht und sei unverzagt“.

Wenn jemand stirbt, dann verläßt er diesen Platz in der gemeinsamen Geschichte, um desto bedrängender wird auch immer die Frage: Wohin ist dieser Mensch jetzt gegangen, was erwartet ihn nach dem Tod… und, wann werden wir uns wiedersehen? Ob hier nicht diesesWort G ́ttes helfen kann: „Der Herr wird mit dir sein und dich nicht von sich lassen…“?

Iossif war in seinen guten Tagen in unserer Gemeinde beliebt und hoch geachtet. Jeder, der mit ihm war, sei es familiär, sei es in der Gemeinde, hat seine eigenen Erinnerungen an Iossif.

Dieser wie immer unerwartete Tod, auch wenn Iossif zum Schluß sehr krank im Pflegeheim war, macht uns Lebenden bewußt, wie schmal der Grat sein kann zwischen Leben und Tod und es uns eine stete Mahnung daran ist, dass wir nicht ewig leben können. Das mahnt uns, dass wir bewußt unser Leben leben sollen, möglichst viel Zeit mit unseren Lieben verbringen und nicht gehetzt von einem zum nächsten Termin eilen sollen oder müssen.

Denn G’tt hat etwas mit uns vor. Nicht die Suche nach Macht, Ansehen oder Geld, sondern für etwas viel Essentielleres. ER hat uns ohne unser Zutun, hier in die Welt gestellt, damit wir seine Aufgaben, seine Mitzwot erfüllen sollen. Jede Mitzwa, die wir erfüllen als Aufgabe von G’tt, bringt uns IHM etwas näher.

So, wie wir uns, wenn wir vor den König treten, vorbereiten müssen, so bereiten wir auch uns vor, dereinst vor den Allmächtigen zu treten, denn niemand hat ein Anrecht auf das Leben. Es ist kein Geschenk, das willkürlich vergeben wurde. Leben ist eine Pflicht, eine Aufgabe und besonders eine Berufung.

Wie die Mischna sagt: „Gegen deinen Willen wurdest du erschaffen, gegen deinen Willen lebst du und gegen deinen Willen wirst du dereinst Rechenschaft und Rechnung ablegen vor dem König der Könige, dem Heiligen, gelobt sei er.“ Deshalb kommt es auf das an, was man mit seinem Leben anfängt. Und ich denke, dass Iossif viel mit seinem Leben anfangen konnte.

Iossif Chimchelevitch, mit jüdischem Namen Josif ben Samuel,  wurde am 13.03.1937, das ist der Schabbat, der 1. Nissan 5697 in der Stadt Baku (damals Sowjetische Republik Aserbaidschan) in einer kinderreichen Familie (4 Kinder) geboren. Der Vater, Samuil Chimchelevitch, arbeitete als Mechaniker in einer Fabrik, und die Mutter, Rosa Kogan, war Hausfrau.

Im Jahr 1944 kam Iossif in Baku in die Schule. 1950 zog die Familie dauerhaft in die Moskauer Region (Odinzowo) um, wo er 1954 die Schule abschloß und anschließend ein Automobil-Technikum besuchte. Der Umzug nach Odinzowo (nahe Moskau) war ein sozialer Aufstieg. In der Nähe von Moskau zu leben, war aufgrund des “Propiska”-Systems (Wohnsitzgenehmigung) streng reglementiert und oft nur für Fachkräfte oder durch familiäre Verbindungen möglich.

Hinzu kam, dass der Umzug nach Moskau im Jahr 1950 in eine politisch komplexe Zeit (Spätphase des Stalinismus) fiel, was den späteren beruflichen Erfolg von Iossif als Ingenieur und Abteilungsleiter in den Folgejahren noch beeindruckender macht.

​Nach dem Abschluss des Technikums schrieb er sich am Moskauer Automechanischen Institut ein, das er 1963 mit Auszeichnung im Fachbereich Maschinenbauingenieurwesen abschloss. Dies war die Kaderschmiede für die gesamte sowjetische Fahrzeugindustrie. Ein Abschluss mit Auszeichnung („Rotes Diplom“) bedeutete damals, dass man zu den obersten 5 % der Absolventen gehörte. Als Ingenieur-Mechaniker war er nicht nur für Reparaturen, sondern für die Konstruktion und die physikalischen Abläufe in der Produktion ausgebildet.

Er begann seine berufliche Laufbahn im Moskauer Automobilwerk AZLK. ​Dieses Werk war eines der bedeutendsten der Sowjetunion. ​Die Marke: AZLK (Автомобильный завод имени Ленинского комсомола – Awtomobilnij Sawod Imeni Leninskogo Komsolmola) ist vor allem für die Produktion der Marke Moskwitsch bekannt. Iossif war direkt an der Entwicklung der erfolgreichsten Modelle beteiligt: ​Moskwitsch-408 und 412: Diese Modelle waren in den 60er Jahren so modern, dass sie massenhaft in den Westen (sogar nach Großbritannien und Frankreich) exportiert wurden.

​Der Aufstieg vom Konstrukteur zum Hauptspezialisten und schließlich zum Leiter der Technologieabteilung zeigt, dass er eine Schlüsselrolle in der Fabrikhierarchie einnahm. Er entschied, wie die Maschinen in der Fabrik arbeiten mussten, um die Entwürfe der Designer in die Realität umzusetzen Er war damit direkt dafür verantwortlich, wie die Autos gebaut wurden – von der Planung der Fertigungsstraßen bis zur Effizienz der Produktion.

Im Jahr 1966 heiratete er; seine Frau ist Sima Shimchelevitch.

​Parallel zu seiner Arbeit studierte er an der Abendfakultät für Englische Sprache des 2. Moskauer Pädagogischen Instituts für Fremdsprachen „Maurice Thorez“ (heute die Linguistische Universität Moskau) und schloss dieses Studium ebenfalls mit Auszeichnung ab. Seine Aufgabe war, als Übersetzer technische Literatur aus dem Westen auszuwerten und für internationale Kooperationen des Autowerks vorgesehen war. In den 70er Jahren kaufte die UdSSR verstärkt Lizenzen und Maschinen aus dem Westen (z. B. von Renault oder Fiat). Jemand, der sowohl technisches Fachwissen als auch fließendes Englisch besaß, war für Verhandlungen und den Aufbau westlicher Anlagen im Werk unersetzlich.

Mir erzählte Iossif einmal, dass sein Automobilwerk ihn für ein geplantes Joint Venture mit der deutschen Firma Liebherr zum sowjetischen Baumaschinenbaukombinat Kranlod 1988 abgeordnet hatte. Hierfür benötigte er das technische Wissen aus dem Westen.

Im Zuge der Abrüstungsverträge wurden zahlreiche sowjetische Mittelstreckenraketen (wie die SS-20) verschrottet. Die extrem geländegängigen, mehrachsigen Fahrgestelle des Typs MAZ-547 (für die SS-20) waren jedoch wertvolle Ressourcen. Das Ziel des Joint Ventures war es, diese überschüssigen, schweren Militär-Fahrgestelle in zivile Autokrane für den Einsatz in unwegsamem Gelände (z. B. in den Ölfeldern Sibiriens) umzubauen. Liebherr lieferte das Know-how und den eigentlichen Kranaufbau, während in Odessa die Anpassung der MAZ-Chassis vorgenommen wurde. Dabei entstanden beeindruckende Maschinen wie den Kranlod KSh-6301 mit 60 Tonnen Traglast, der auf dem sechsachsigen Fahrgestell der SS-20 basierte. Spätere Modell hatten sogar 100 Tonnen Traglast.

Im Februar 1976 wurde der Sohn Roman geboren.

Zusätzlich zu seiner Haupttätigkeit leitete er im Werk das Büro für technische Übersetzungen für die Sprachen Englisch und Deutsch. Iossif besaß damit eine wertvolle Schlüsselposition für den west-östlichen Technologietransfer. In den 70er und 80er Jahren bezog die sowjetische Industrie viele Maschinen und Patente aus der DDR und der Bundesrepublik Deutschland. Er war also die kommunikative Brücke zwischen den Ingenieuren und der internationalen Technikwelt.

Iossif arbeitete zudem als freiberuflicher Übersetzer für Englisch beim Magazin ‚Soviet Union‘, das in vielen Sprachen erschien. Die Mitarbeit bei der Zeitschrift Sowjetunion (eine prestigeträchtige Auslandsillustrierte) deutet darauf hin, dass sein Sprachniveau weit über das rein Technische hinausging und er journalistisch/redaktionell anerkannt war.

Im Jahr 1991, im Zusammenhang mit dem Zerfall der Sowjetunion und der instabilen Lage im Land, wurde die Entscheidung getroffen, nach Deutschland umzusiedeln. Im Jahr 1996 kamen sie in Bamberg in der Israelitischen Kultusgemeinde an. Hier lebte sich Iossif und seine Familie schnell ein. Iossif war dort in den kulturellen Austausch der Gemeinde eingebunden, da Menschen mit seinem Profil (Sprachen + Führungserfahrung) oft als Mittler fungierten. Das führte auch in den letzten Lebensjahren Herrn Olmers sel. A. dazu, dass Iossif innerhalb der Führungspostitionen Karriere bis hin zum 2. Vorsitzenden machte. Viele weitere Stationen füllte er aus, so war er lange Jahre im Synagogenchor als Bariton aktiv, hier gibt es ein Foto, wie der ganze Chor im Kurhotel Eden Park in Bad Kissingen auftrat und zusammen mit dem später verstorbenen Valeryy Grabovski führte er den Seniorenclub der Gemeinde an. Unvergessen war Iossifs Mittlerwesen bei unseren alten Gemeindemitgliedern. So erinnere ich mich gerne daran, wie er immer bei einem unserer ältesten Gemeindemitgliedern, Isaak Shklyar, regelmäßig mit mir und weiteren Gemeindemitgliedern wie Isaak Shmulewitsch zu dessen Geburtstag zu Besuch kam. Dann wurde von seiner Schwiegertochter am kleinen Küchentisch immer groß aufgefahren und alle, auch Isaak Shklyars Sohn Mark ließen sich das leckere Essen schmecken.

Iossif war ein geachtetes Mitglied unserer Gemeinde. Ja, es gab zwar Dinge, über die wir den Mantel des Schweigens legen wollen, bei dem Iossif keine so günstige Stellung abgegeben hat, aber wir sind nicht hier, um aufzurechnen, sondern uns von einem Menschen zu verabschieden, der die Gemeinde als Gemeindemitglied, als 2. Vorsitzender, als Seniorenclubsleiter, als Mitglied des Synagogenchors und einfach als Mensch mitgeprägt hat. Das ist das Wichtigste.

Mit Fortschreiten seiner Krankheit kam Iossif in den letzten Jahren seltener zur Gemeinde, bis ich erfuhr, dass er in das Seniorenheim der Fazit umgezogen war, wie ich von Sima erfuhr, als ich sie einmal auf dem Weg, als sie zum Seniorenheim im November ging. Es gehe ihm nicht gut, er erkenne sogar sie manchmal nicht mehr. Ein paar Wochen später im Dezember, teilte mir Frau Manastyrskaia mit, er läge im Sterben. Leider kam ich nicht mehr dazu, ihn persönlich zu sehen und mich von ihm zu verabschieden. Iossif starb am 8. Januar.

Dies bringt mich zum eingangs zitierten G’tteswort zurück:

Der Ewige ist es, der vor dir einher zieht, er wird mit dir sein, er wird dich nicht von sich lassen und dich nicht im Stich lassen: fürchte nichts und zage nicht!

Mögen auch wir auf die Worte des Ewigen vertrauen, dass er uns nicht verlässt, sondern immer bei uns ist bis zu dem Tage an dem der Messias kommen wird. Mögen wir dies in unserem Leben noch erleben!

Wir werden Iossif ben Samuel Chimchelevitch ein ehrendes Angedenken erhalten.

Aus dem Buch Jesaja:

G’tt der Herr verschlingt den Tod auf ewig, er wischt ab die Tränen von jedem Angesicht. Er nimmt hinweg die Schmach seines Volkes von der ganzen Erde. So hat der Herr gesprochen. An jenem Tag wird man sagen: Seht, unser G’tt! Von ihm erhoffen wir unsere Rettung. Das ist der Herr, auf den wir hoffen; laßt uns jubeln und uns freuen, denn er hat uns gerettet.

Aus den Klageliedern des Jeremia:

Das will ich mir zu Herzen nehmen, darauf darf ich harren: Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende. Neu ist es an jedem Morgen; groß ist seine Treue. „Mein Anteil ist der Herr“, sagt meine Seele, „darum harre ich auf ihn.“ Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht.

Lasset uns beten:

Gott, in der Fülle Deiner Gnade, nimm unseren verstorbenen Bruder Iossif ben Samuel auf in Deinen Frieden. Laß alles Gute seines Lebens Frucht bringen. Vergib ihm, was er in seinem Leben gefehlt hat. Tröste die Angehörigen des Verstorbenen in ihrem Schmerz. Nimm alle Menschen, die heute sterben, in Gnade auf. Amen.

Martin Arieh Rudolph, 1. Vorsitzender IKG Bamberg