Paraschat Jitro

Kommentar zu 2. B.M. 18,1 – 20,23 und der Haftarah (Jesaja, 6,1 – 7,6 und 9,5 6)

Wir stehen in dieser Woche vor dem Moment, der das Wesen unserer Existenz als jüdisches Volk definiert: Matan Torah, die Gabe der Tora am Sinai. Es ist ein Moment, in dem der Himmel die Erde berührte, in dem das Unendliche in die Endlichkeit hineinbrach.

Die Parascha trägt den Namen eines Außenstehenden: Jitro. Dies allein ist eine Lehre. Es zeigt uns, dass die Wahrheit der Tora zwar spezifisch jüdisch ist, aber eine Ausstrahlung hat, die die gesamte Menschheit betrifft.

Wir betrachten heute diesen Weg – von der menschlichen Weisheit eines Midianiters bis hin zum g´ttlichen Feuer des Sinai – durch die Brille unserer großen Weisen.

Die Parascha beginnt mit der Ankunft Jitros. Er sieht Mosche, wie er das Volk richtet, und erkennt sofort eine Gefahr: Die Überlastung des Führers und die Ermüdung des Volkes. Jitro sagt: “Nawol tibol” – „Du wirst gänzlich zerfallen.“

Hier setzt der Begründer der Neo-Orthodoxie, Rabbiner Samson Raphael Hirsch an. Er erklärt, dass die Torah uns hier ein grundlegendes Prinzip vermittelt: Das G´ttliche Gesetz benötigt eine funktionierende menschliche Verwaltung. Heiligkeit ist keine Entschuldigung für Chaos. Jitros Rat, Richter über Tausendschaften und Zehnerschaften einzusetzen, war der erste Schritt, um aus einer befreiten Sklavenmenge eine geordnete Nation zu machen.

Die Torahkommentatorin Nechama Leibowitz fügt eine psychologische Ebene hinzu. Sie betont, dass Jitro nicht nur Mosche retten wollte, sondern auch die Würde des Volkes. Wenn ein Mensch den ganzen Tag in einer Schlange warten muss, um Gerechtigkeit zu erfahren, verliert er den Respekt vor dem Gesetz. Gerechtigkeit muss fließen, sie muss zugänglich sein.

An dieser Stelle bringt Rabbiner Awraham Kook eine faszinierende Perspektive ein. Für Rav Kook war Jitro der Repräsentant der „allgemeinen menschlichen Weisheit“ (Chochma). Er lehrt uns, dass das Jüdische Volk nicht in Isolation lebt. Wir nehmen die wertvollen organisatorischen und moralischen Einsichten der Welt auf und heiligen sie. Rav Kook betont, dass die Tora (das g´ttliche Licht) ein Gefäß braucht – und dieses Gefäß wird oft durch menschliche Vernunft und Struktur gebaut. Jitro lieferte das Gefäß, G´tt lieferte das Licht.

Eine Geschichte aus dem Midrasch: Warum Jitro?

Um zu verstehen, warum ausgerechnet Jitro diese Ehre zuteil wurde, erzählt uns der Midrasch (Mechilta) eine Geschichte über die Suche nach der Wahrheit.

Es heißt, dass Jitro kein gewöhnlicher Priester war. Er war ein Mann, der „jeden Götzendienst der Welt ausprobiert hatte“. Er kannte alle Philosophien, alle Kulte und alle spirituellen Wege seiner Zeit. Doch als er hörte, was G´tt für Israel getan hatte – die Spaltung des Meeres und den Sieg über Amalek –, da erkannte er die Wahrheit.

Der Midrasch sagt: Als Jitro sagte: „Nun weiß ich, dass der Ewige größer ist als alle Götter“, da erst war die Welt bereit für die Torah. Warum? Weil die Anerkennung G´ttes durch jemanden, der die gesamte Welt kannte, ein größeres Kiddusch Haschem (Heiligung des Namens) war, als wenn nur die Israeliten es gesagt hätten.

Rav Kook würde hier hinzufügen: Jitro symbolisiert das „Licht, das aus der Dunkelheit kommt“. Erst als die Weisheit der Völker (Jitro) sich der Heiligkeit des Sinai beugte, konnte die Torah gegeben werden. Es lehrt uns: Jeder von uns hat einen „Jitro“ in sich – jene weltlichen Erfahrungen, die wir nutzen müssen, um unser g´ttliches Potenzial zu stützen.

Nachdem die Struktur durch die Richter gefestigt ist, zieht Israel zum Sinai. G´tt macht ein Angebot: Ihr sollt ein Segula sein, ein kostbarer Schatz, ein Mamlechet Kohanim weGoj Kadosch – ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk.

Rabbiner Abraham Joshua Heschel erinnert uns daran, dass dies kein Privileg der Überlegenheit ist, sondern eine Last der Verantwortung. Ein „Priester“ ist jemand, der zwischen G´tt und der Welt vermittelt. Israel soll durch sein Leben die Gegenwart G´ttes in der Welt spürbar machen.

Das Volk antwortet: “Na’asse” – „Wir werden tun.“

Rav Kook erklärt diese prompte Antwort des Volkes mystisch: In jedem Juden existiert eine „innere Tora“, ein g´ttlicher Funke, der die Wahrheit des Sinai erkennt, noch bevor sie ausgesprochen wird. Das „Wir werden tun“ war kein blinder Gehorsam, sondern das Erwachen der kollektiven Seele Israels, die ihren Schöpfer wiedererkennt.

Wir haben heute keine Priester mehr, da der Tempel zerstört ist, aber wir bringen den gewählten Leitern im Vorstand unserer Gemeinde und Rabbinern (und Kantoren) mindestens den gleichen Respekt entgegen, wie wir ihn gegenüber einem Priester des Tempels ergeben würden.

Die dreitägige Reinigung, das Waschen der Kleider und die Abgrenzung des Berges dienen einem Zweck: Der Ehrfurcht.

Rabbiner Sforno erklärt, dass man ohne innere und äußere Vorbereitung die g´ttliche Stimme nicht hören kann. Wer im Lärm des Alltags verharrt, wird am Sinai nur Donner hören, aber nicht das Wort G´ttes.

Die Aseret HaDibrot (10 Gebote): Worte, die die Welt erschüttern (Kapitel 20)

Dann geschieht die Offenbarung. Die Zehn Gebote werden verkündet.

  1. „Ich bin der Ewige…“ – Dies ist kein bloßes Dogma. Sforno lehrt, dass dies die Anerkennung der Befreiung ist. G´tt stellt sich nicht als Schöpfer des Universums vor, sondern als derjenige, der uns aus der Sklaverei geführt hat. Er ist der G´tt der Freiheit.
  2. Bilderverbot.
  3. Missbrauch des Namens.
  4. Sabbatheiligung.Rabbiner Heschel nannte den Sabbat einen „Palast in der Zeit“. Es ist der Tag, an dem wir aufhören, die Welt zu bearbeiten, und anfangen, sie zu feiern.
  5. Ehre Vater und Mutter. – Dieses Gebot steht auf der ersten Tafel, die eigentlich die Gebote zwischen Mensch und G´tt enthält. Warum? Rabbiner Hirsch erklärt: Unsere Eltern sind für uns die ersten Repräsentanten der g´ttlichen Autorität und der Tradition. Wer seine Wurzeln nicht ehrt, kann keine Verbindung zum „Urquell“ aufbauen.

Die Gebote der zweiten Tafel – nicht morden, nicht ehebrechen, nicht stehlen – scheinen „selbstverständlich“. Doch die Geschichte hat gezeigt, dass ohne die Verankerung im G´ttlichen (die erste Tafel) selbst die „zivilisiertesten“ Gesellschaften diese Gebote brechen.

Nechama Leibowitz lenkt unser Augenmerk besonders auf das Verbot des Begehrens (Lo Tachmod). Wie kann G´tt ein Gefühl verbieten? Rabbiner Sforno und Rav Kook geben hier eine ähnliche Antwort: Wenn ein Mensch wahrhaft erkennt, dass G´tt jedem genau das gibt, was er für seine spezifische Aufgabe in der Welt braucht, dann schwindet das Begehren nach dem Gut des Nächsten. Man versteht, dass das, was dem anderen gehört, für die eigene Seele gar keinen Nutzen hätte.


Die Haftara: Jeschajahu und die Heiligkeit (Jesaja 6-9)

Die Haftara spiegelt die Sinai-Erfahrung wider. Jeschajahu sieht G´tt im Tempel. Die Engel rufen: “Kadosch, Kadosch, Kadosch” – Heilig, heilig, heilig.

Rav Kook lehrt uns über diese dreifache Heiligkeit:

  • G´tt ist heilig in den oberen Welten.
  • Er ist heilig in unserer materiellen Welt.
  • Und Er ist heilig in der Ewigkeit.

Jeschajahu fühlt sich „unrein an den Lippen“. Er erkennt die Kluft zwischen seiner Vision und der Realität des Volkes, das sich von G´tt entfernt hat. Doch die Reinigung durch die glühende Kohle zeigt: Umkehr (Tschuwa) ist immer möglich.

In den weiteren Versen (Kapitel 7 und 9) sehen wir die politische Krise Jerusalems. Jeschajahu gibt die Antwort, die auch für uns heute gilt: Vertrauen. Der verheißene „Friedensfürst“ (Sar Schalom) ist das Symbol für eine Welt, die die Lehren vom Sinai endlich verinnerlicht hat.


Fazit: Die Tora im Herzen und in der Tat

Was lernen wir heute von Jitro, Mosche und Jeschajahu?

  1. Von Jitro: Hab keine Angst vor Struktur. Nutze die Weisheit der Welt, um der Tora ein würdiges Gefäß zu bauen. Und sei wie Jitro: Such die Wahrheit, egal woher sie kommt.
  2. Vom Sinai: Sei bereit. Heiligkeit erfordert Vorbereitung (Hachana).
  3. Von Rav Kook: Erkenne, dass das G´ttliche Licht überall ist – in der Ordnung des Gerichts, in der Stille des Sabbats und in der Hoffnung auf den Frieden.

Die Zehn Gebote enden mit dem Verbot des Begehrens – einem inneren Zustand. Die Tora will nicht nur unsere Taten kontrollieren, sondern unsere Herzen heilen. Wenn wir aufhören, auf das zu schauen, was uns fehlt, und anfangen zu schätzen, was uns als „Eigentumsvolk“ gegeben wurde, dann wird der Sinai in uns lebendig.

Möge dieser Schabbat uns die Kraft geben, die „Stimme vom Sinai“ in der Stille unseres Herzens wieder zu hören.

Schabbat Schalom!

Martin Arieh Rudolph, 1. Vorsitzender der IKG Bamberg