Parascha Pikude

Bildquelle: Moses und Joshua im Stiftzelt, James Tissot zwischen 1896 und 1902, Wikimedia

Von Rabbiner Dr. S. Almekias-Siegl

Eine Wohnstätte für G-tt

2. BM 38:21-40:38

Und es war vollendet das ganze Werk an der Wohnung des Stiftzeltes. Und die Bne Jisrael hatten gemacht, ganz so wie der Ewige dem Mosche geboten, so hatten sie gemacht.

Schmot 39, 32

Chiskuni zitiert einen Midrasch, der den 25. Kislew als Datum für die Vollendung der Arbeit überliefert. Die Errichtung des Wüstenheiligtums fand jedoch erst am 1. Nissan statt. Dennoch ging der 25. Kislew im Laufe der jüdischen Geschichte nicht “leer aus”.

Gemäss einem Ausspruch unserer Weisen, dass “man Gutes an einem guten Tage und Böses an einem bösen Tage herbeiführt” (Taanit 29a), war der 25. Kislew von diesem Moment an für ein späteres Ereignis reserviert. Zur Zeit der Hasmonäer wurden die Hellenisten aus dem verunreinigten Tempel vertrieben und mit dem Wunder der Chanukka-Lichter begann an diesem Tag die Neueinweihung des Heiligtums. Eine Neueinweihung, welche an das Ereignis aus der Zeit der vierzigjährigen Wüstenwanderung anknüpfen konnte. Jüdische Geschichte verläuft nach ihren eigenen Gesetzen!

Das vollendete Werk wird im Hebräischen an dieser Stelle nicht “Melacha”, sondern “Awoda” genannt. Malbim weist darauf hin, dass “Melacha” die von den Handwerkern geleistete Arbeit wiedergibt, während “Awoda” cher Dienst bedeutet. Der Aufbau des Wüstenheiligtums wurde vom Volk als “Awodat Haschem”, als Dienst gegenüber dem Ewigen aufgefasst. Mit seiner Vollendung war eine grosse Mizwa vollbracht.

Unser Passus schreibt die Durchführung dieses Werkes allen Bne Jisrael zu. In Wirklichkeit waren es jedoch nur Bezalel und eine ausgewählte Gruppe von Sachverständigen, Künstlern und Handwerkern, die direkt beteiligt waren. Or Hachajim löst diesen Widerspruch, indem er eine talmudische Máxime zitiert:

Der Bevollmächtigte eines Menschen gleicht ihm selbst.

Chagiga 11b

Alle Arbeiten wurden im Auftrag des ganzen Volkes durchgeführt und so waren letzten endes alle an dieser grossartigen Aufgabe beteiligt. Or Hachajim entwickelt in seinem Kommentar zur Stelle diesen Gedanken weiter, indem er auf die 613 Mizwot hinweist, die ja unmöglich von jedem Juden und jeder Jüdin realisiert werden können. Es gibt Gebote, die sich z.B. nur an die Priester oder Leviten richten. Die Mizwa der Familienreinheit (Mikwe), betrifft nur die Frau, während nur der Mann zum täglichen Gebet mit Gebetsriemen und Gebetsschal verpflichtet ist. Wenn man aber als Jude aktiver Teil der Gemeinschaft ist und jeder die ihm obliegenden Pflichten erfüllt, so erlangt jeder einen Anteil an allen praktizierten Mizwot.

Zur Vollendung der Arbeiten am Mischkan existiert eine Parallele in der Tora, nämlich der Abschluss der Schöpfungsgeschichte. Bereits ein Midrasch (Schmot Rabba 48, 4) weist auf diesen Zusammenhang hin. Der künstlerische Projektleiter beim Bau des Mischkan wird uns mit den folgenden Worten vorgestellt:

Sehet, der Ewige hat mit Namen berufen Bezalel, Sohn des Uri, Sohn des Chur vom Stamme Jehuda und hat ihn erfüllt mit dem Geiste G-ttes an Weisheit (‘Chochma’) und Einsicht (“Tewuna’), Wissen (“Daat”) und an Fertigkeit.

Schmot 30-31

In den Sprüchen von König Schlomo werden die gleichen Ausdrücke verwendet, um die Schöpfung der Welt durch G-tt zu beschreiben:

Mit Weisheit hat der Ewige die Erde gegründet, die Himmel befestigt mit Einsicht. Durch Sein Wissen wurden die Tiefen gespalten und die Wolken träufeln Tau.

Mischle 3, 19-20

Weiter finden sich verblüffende sprachliche Parallelen in den beiden Erzählungen. In ihren Betrachtungen zum Sefer Schmot hat Nechama Leibowitz, eine zeitgenössische Bibelgelehrte in Israel, darauf hingewiesen, wobei sie sich auf frühere Arbeiten von Martin Buber stützt. Die direkte Parallele zu dem am Anfang zitierten Passus finden wir in Sefer Bereschit (2, 1-2):

Und es waren vollendet die Himmel und Erde und all ihr Heer. Und G-tt hatte vollendet.

Den letzteren Ausdruck finden wir auch auch in unserer Parascha:

Und Mosche hatte vollendet …

Schmot 40, 13

Ein weiterer Passus findet ebenfalls sein Gegenstück im ersten Buch der Tora:

Und Mosche sah die ganze Arbeit, und siehe, sie hatten dieselbe gemacht; so wie der Ewige geboten, so hatten sie gemacht; da segnete sie Mosche.

Schmot 39, 43

Wie vertraut klingen da die Worte:

Und G-tt sah alles, was Er gemacht, und siehe, es war sehr gut … Und G-tt segnete den siebten Tag.

Bereschit 31,23

Was möchte uns die Tora mit dieser sicher nicht zufälligen gleichen Wortwahl mitteilen? Mit der Erde, der Vegetation und den Tieren schuf G-tt dem Menschen eine Heimstätte, in der er sich einrichten sollte, um G-tt zu dienen. Mit dem Wüstenheiligtum und dem späteren Ersten und Zweiten Tempel in Jeruschalajim erbaut nun das jüdische Volk G-tt symbolisch eine Wohnstätte und demonstriert so dessen Präsenz in seiner Mitte.

Und heute, wo zur Zeit kein Tempel existiert? Da gilt die klassische Antwort von Rabbi Menachem Mendel von Kozk, der auf die Frage, “Wo wohnt G-tt?”, bemerkte:

Dort wo man ihn einlässt.

Schabbat Schalom!

https://www.talmud.de/tlmd/die-torah-eine-deutsche-uebersetzung/die-torah-Pekude/