Parascha BaMidbar

Dekalog, Pergament von Jekuthiel Sofer, 1768, Bibliotheca Rosenthaliana, Amsterdam, Wikimedia

Von Rabbiner Dr. S. Almekias-Siegl

Die Zehn Gebote

4. BM Bemidbar 1:1-4:20

Wie können wir G-tt dienen? Das Kriat Schma, welches wir zweimal täglich im Morgen- und Abendgebet sprechen, gibt die Antwort:

Und du sollst G-tt, deinen G-tt, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen

Dew. 6, 5

In der Sprache der Tora ist das Herz der Sitz unseres Fühlens, Denkens und Trachtens.

Und in das Herz jedes Sachverständigen habe ich Weisheit gegeben

Schmot 31, 6

G-tt mit dem Herzen dienen, bedeutet also auch, unser Denken in Seinen Dienst zu stellen. Von der Seele des Menschen, Nefesch, ist bei der Erschaffung des Menschen die Rede:

Und so ward der Mensch zu einer lebendigen Seele

Ber. 2, 7

Der aramäische Targum Onkelos übersetzt dies als “Sprechendes Wesen”. Das, was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist vor allem seine Fähigkeit, seine innere Gedankenwelt in Worte zu kleiden und mit der Umwelt zu kommunizieren. Mit unserer Sprache können wir G-tt dienen, im Gebet, beim Torastudium und bei vielen anderen Gelegenheiten. Bleibt noch das Vermögen, die finanziellen Mittel, welche es uns erlauben, viele Mizwot aktiv auszuführen, z.B. Zedaka etc. Mit Denken, Reden und Handeln dienen wir G-tt.

Diese drei Möglichkeiten finden wir in den Zehn Geboten wieder. Auf der ersten Tafel finden wir die Gebote, welche unsere Beziehungen zu G-tt regeln. Das “Ehre Vater und Mutter” leitet zur zweiten Tafel über, deren Gebote die zwischenmenschlichen Beziehungen betreffen.

Das fünfte Gebot nimmt deshalb eine Zwischenstellung ein, weil nach den Worten unserer Weisen drei an der Schöpfung neuen menschlichen Lebens beteiligt sind, Mutter, Vater und G-tt (Kidduschin 30b).

Die ersten zwei Gebote fordern unser Denken. Nicht mehr der ägyptische Pharao ist Herrscher über das jüdische Volk, G-tt ist nun der alleinige König und neben Thm und ausser Ihm haben keine anderen G-tter und Ideologien – die modernen Götzen – einen Platz. Den Namen G-ttes nur im richtigen Moment auszusprechen verlangt von uns, unseren Redefluss zu kontrollieren. Schliesslich folgt der Schabbat, dessen Heiligung unseres aktiven Handelns bedarf. So leiten wir ihn mit dem Kiddusch ein und verabschieden wir uns mit der Hawdala von ihm.

In der Reihenfolge der Gebote liegt eine Steigerung der an uns gestellten Ansprüche. In unserem Inneren G-tt zu dienen. mit dem Herzen an Ihn zu glauben, dies erfordert eine geringere Anstrengung als die tagtägliche Erfüllung der uns mitgeteilten Mizwot. Judentum ist eben nicht so sehr Religion des Glaubens, als vielmehr eine Religion des Handelns.

Natürlich verfügen wir über Glaubensgrundsätze. Sie hat z.B. Maimonides in den 13 Glaubensartikeln formuliert. Doch ist es nicht der Glaube an seligmachende Dogmen, der für den Juden im Mittelpunkt seines Lebens steht, sondern die gottgewollte Tat. das Erfüllen der Mizwot, die den jüdischen Menschen von der Wiege bis zur Bahre, vom morgendlichen Aufstehen bis zum nächtlichen Zubettgehen begleiten, ihn fordern – und ihm physische und geistige Befriedigung geben.

Das Gebot Vater und Mutter zu ehren verlangt ebenfalls aktives Handeln von uns:

Worin besteht das Ehren der Eltern? Sie mit Speise und Trank, mit Kleidung und Schuhen zu versehen, sie beim Verlassen des Hauses zu begleiten und sie zurückzuführen

Kidduschin 37b

Die zweite Tafel mit den fünf letzten Geboten beginnt mit dem Verbot zu morden, Unzucht zu begehen und zu stehlen. Diese Gebote verbieten uns Handlungen, eine Aufforderung, welcher gesittete Menschen durchaus in der Lage sind zu folgen. Nicht zu lügen, keine falschen Aussagen gegen den Mitmenschen zu treffen, dies fällt schon schwerer. Das letzte Gebot schliesslich betrifft unser Denken. Neid, Missgunst, all diese Gefühle und Gedanken sollen wir nicht in uns aufkommen lassen, ein schwerwiegendes und schwer zu erfüllendes Verlangen.

Der Aufbau der Zehn Gebote folgt einem symmetrischen Schema. Sich gegenüber G-tt im Denken, Reden und Handeln zu bewähren, gegenüber dem Mitmenschen im Handeln, Reden und Denken. Auf beiden Tafeln erscheinen zuerst die “leichteren” Forderungen, beide gipfeln in den Geboten, die uns das meiste abverlangen: die Realisierung des Schabbat und Ehrfurcht vor den Eltern, sowie die Beherrschung unserer Eifersucht auf andere.

Mit dem g-ttlichen “Anochi”, Ich, beginnt der Dekalog und endet mit “Lere’echa”, dem Nächsten. Liebe und Furcht vor G-tt führen uns zur Liebe und Respekt vor den Mitmenschen.

Schabbat Schalom

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